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Ein Erfahrungsbericht von Sabrina Bieber (31)

Ich habe mich mit 27 dafür entschieden, mein Abitur am Abendgymnasium nachzuholen, da ich zum Einen Faszination an der Astronomie entdeckte und zum Anderen mit meinem Beruf und meiner Arbeitsstelle als Servicekraft nicht mehr glücklich war. Ich glaube, dass nicht viele Menschen das Privileg haben, im Leben etwas zu finden, was sie total fasziniert und ihnen beim Befassen mit der Materie totale Glücksgefühle verschafft. Also war es nach "Immanuel Kant" meine Verpflichtung, dieses Interesse und diese Fähigkeit auszubauen, um mir selbst und der Gesellschaft den ganz eigenen Dienst zu erweisen.

Als auf meinem Arbeitsplatz Dinge passierten, hinter denen ich nicht mehr stehen konnte, hab ich meinen Entschluss gefasst mich anzumelden. Eine Aussage auf der Webseite hätte mich jedoch fast daran gehindert, mich am Abendgymnasium anzumelden ("FÜR BEGABTE BERUFSTÄTIGE"). Ich hielt mich nicht wirklich für begabt, da ich als Hauptschülerin, die ihre Mittlere Reife auf der Berufsfachschule im Bereich Hauswirtschaft/Sozialwesen gemacht hatte, keinen Plan von Physik, Mathe, Chemie und all den anderen Fächer hatte, geschweige denn von Französisch oder der neuen deutschen Rechtschreibung!

Es gibt jedoch nichts schlimmeres, als mit 27 an einem Punkt zu stehen, an dem einem sein Beruf keinen Spaß mehr macht und man eine Marke verkaufen soll, hinter der man nicht mehr steht; also dachte ich mir, was sind schon 4 Jahr im Vergleich zum Rest meines Lebens. Ich wollte am Ende meines Lebens nicht dastehen und mich fragen was wäre gewesen wenn! Man wirft im Alltag immer mit Floskeln um sich wie, "Wenn man etwas wirklich will, schafft man es auch" oder "Lebe deine Träume und träume nicht dein Leben", ich wollte es also wissen.

Ich klärte auf der Arbeit ab, dass ich unter der Woche früher Feierabend mache um in die Schule zu gehen und am Wochenende und in den Ferien wieder voll da bin. Dies lief anfangs auch gut, mein Chef begrüßte meine Entscheidung und versprach mir, hinter mir zu stehen.

Ich will euch nichts vormachen, es ist kein Zuckerschlecken morgens zur Arbeit zu gehen, danach in die Schule, lernen, Hausaufgaben machen, Haushalt usw.. Man hat kaum noch Freizeit oder Zeit für Freunde oder Familie. Dementsprechend war ich morgens kaputt und müde.

Nach einiger Zeit musste ich immer früher zur Arbeit antreten, hatte am Wochenende oft Doppelschichten und kaum noch Zeit mich zu erholen. Immer öfter kam die Frage von Kollegen und meinem Chef: "Na? Ne schlechte Note geschrieben?" Ich ahnte, dass mein Chef es mir immer schwerer machen wollte die Schule zu schaffen, ich erfuhr auch unter anderem, dass mein Chef vor versammelter Mannschaft verlauten ließ, ich würde das Abitur sowieso nie schaffen. Das war ein Schlag ins Gesicht!

Je mehr Steine mir in den Weg gelegt wurden, desto ehrgeiziger wurde ich - irgendwann nicht mehr dort arbeiten zu müssen war mein Ziel. Mit Erfolg! - ich habe mit 31 Jahren mein Abitur mit 2,7 gemacht und werde Physik und Philosophie studieren.

Jedem, der darüber nachdenkt den gleichen Weg zu gehen kann ich nur sagen, es gibt nichts tolleres im Leben als die Karten nochmal neu zu mischen, sich nochmal alle Türen zu öffnen, um einen neuen Weg einzuschlagen. Wenn ihr diesen Weg geht, werdet ihr ganz tollen, wertvollen Menschen begegnen, die ihr nie getroffen hättet, wenn ihr diese Entscheidung nicht getroffen hättet. Nebenbei ein Dankeschön an meine alte Klasse, es ist mir eine Ehre, euch kennengelernt zu haben, ihr seid die Besten! Es gibt keinen besseren Zusammenhalt und Loyalität untereinander, als an einem Abendgymnasium. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und jeder half jedem, eine krasse Erfahrung, die ich nie missen möchte. Auch ein Dankeschön an die Lehrer, die immer an uns geglaubt haben, auch in Zeiten, in denen wir selbst nicht an uns glaubten - ihr Respekt und ihr Vertrauen haben uns oft Kraft gegeben nicht aufzugeben.

Wenn ihr eure Träume leben wollt und euch völlig neu definieren wollt, geht diesen Weg, ihr werdet es nicht bereuen! Mein Chef hat mir bis heute nicht zum Abitur gratuliert obwohl er daneben stand, als alle meine Kollegen, die immer an mich glaubten, gratulierten. Zu seiner Aussage, ich solle doch etwas "Gescheites" studieren, sonst wäre ich einer der nächsten Harz IV Empfänger und würde dann wieder bei ihm um einen Job betteln, kann ich nur sagen "NEVER"! Ihre Missgunst war mein Treibstoff! Danke für Nichts!

Ich hab es bewiesen, wenn man wirklich etwas will kann man alles schaffen, mit viel Fleiß, Interesse und Freude am Lernen! Das Abendgymnasium hat meinen Traum wahr gemacht, ich konnte nie verlieren, auch wenn ich es nicht geschafft hätte, hätte ich an Wissen gewonnen!